Seiteninhalt

Zum Stand der Ausgrabungen im "Quartier an den Stadtmauern"

Die Entwicklung des im Herzen der Bamberger Inselstadt gelegenen „Quartiers an den Stadtmauern“ durch die Sparkasse Bamberg bildet den Hintergrund für derzeit laufende, umfangreiche archäologische Untersuchungen.
Mit den nach dem Bayerischen Denkmalschutzgesetz erforderlichen Ausgrabungen wurde die Fa. PRO ARCH – Prospektion und Archäologie GmbH aus Ingolstadt beauftragt (örtliche Grabungsleitung Alexander Heckendorff). Die wissenschaftliche Begleitung der Untersuchungen obliegt in enger Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege der Stadtarchäologie Bamberg (Stefan Pfaffenberger).

Nach dem Abbruch verschiedener Bestandsbauten und der notwendigen Baugrubensicherung für die geplante Neubebauung konnten seit September vergangenen Jahres abschnittsweise bereits rund zwei Drittel des Projektareals zwischen der Langen Straße im Süden und der Franz-Ludwig-Straße im Norden archäologisch untersucht werden.
Die bis dato im Rahmen der archäologischen Grabungen aufgedeckten Befunde und Funde beleuchten dabei nicht nur die wechselhafte bauliche Entwicklung dieses Quartiers vom Mittelalter bis in die Neuzeit sondern gewähren auch interessante Einblicke in das Alltagsleben seiner ehemaligen Bewohner. Die besondere stadtgeschichtliche Bedeutung des Untersuchungsareals erwächst dabei aus seiner Lage im Schnittpunkt der Stadtmauern des hohen und späten Mittelalters, die jeweils wichtige Entwicklungsstufen im Stadtwerdungsprozess Bambergs markieren. Nicht umsonst werden die obertägig noch erhaltenen Stadtmauerreste in die Neubebauung integriert und das „Quartier an den Stadtmauern“ somit erlebbar gemacht.

In Ergänzung zu den aufgehenden Stadtmauerpartien lieferten auch die archäologischen Befunde wichtige Erkenntnisse zur Stadtbefestigung. So konnte nördlich der Grundstücke Hellerstraße 11–15 die um 1200 errichtete und im ausgehenden Mittelalter bereits wieder abgebrochene Stadtmauer als Ausbruchgraben über eine längere Strecke nachgewiesen werden. Unmittelbar vor der Mauer verlief der zugehörige Stadtgraben, der auf einen ehemaligen Nebenarm der Regnitz zurückzuführen ist. Wie die archäologischen Befunde belegen, wurde das Gewässer im Laufe des späten Mittelalters durch anthropogene Eingriffe sukzessive nach Norden verlagert. Auf dem so entstandenen Zwischenraum – der Berme – lagen in der Folgezeit vermutlich Gärten, die durch Flechtwerkzäune unterteilt waren.

Aus dem Bereich innerhalb der hochmittelalterlichen Umwehrung der Inselstadt liegen bislang nur wenige Befunde vor, da das Areal um die Hellerstraße erst im Zuge des kommenden Grabungsabschnitts eingehender untersucht werden wird. Gleichwohl waren im Rahmen der Abbrucharbeiten an der ehemaligen Tiefgarage der Sparkasse entlang der Ostseite des Anwesens Hellerstraße 15 bereits erste Beobachtungen möglich, die hier z.B. den Nachweis eines durch Brand zerstörten hoch- bis spätmittelalterlichen Gebäudes erbrachten.

Der enorme Aufschwung der Inselstadt im ausgehenden Hochmittelalter und im folgenden späten Mittelalter brachte auch für das „Quartier“ einschneidende Veränderungen mit sich. Mit dem Mitte des 15. Jahrhunderts erfolgten Bau der erweiterten Stadtbefestigung wurde das zuvor extra muros – außerhalb der Stadtmauer – gelegene Areal nördlich der Grundstücke Hellerstraße 11–15 in den Bering einbezogen und somit zu einem festen Bestandteil des städtischen Siedlungsgefüges.

Von der spätmittelalterlichen Stadtmauer haben sich entlang der östlichen Grundstücksgrenze von Franz-Ludwig-Straße 10 umfangreiche Reste aufgehenden Mauerwerks erhalten, weitere Abschnitte wurden archäologisch dokumentiert. Im Zuge dieser spätmittelalterlichen Stadterweiterung wurde auch der ehemalige hochmittelalterliche Stadtgraben in einem gemauerten unterirdischen Kanal gefasst, der archäologisch ebenfalls nachgewiesen werden konnte. Die Befunde aus dem Vorfeld der Mauer belegen einen durch natürliche oder auch künstliche Wasserläufe respektive (Stadt-) Gräben geprägten Bereich, der zu Beginn der frühen Neuzeit jedoch trockengelegt und massiv aufplaniert wurde. Möglicherweise stehen diese Arbeiten im Zusammenhang mit der Anlage der im 16. Jahrhundert erstmals erwähnten Schanz, einem langgestreckten Erdwall entlang der späteren Promenade, der die Stadt vor Hochwasser schützen sollte.

Interessante Befunde konnten auch auf der innerstädtischen Seite der Mauer ergraben werden. So erbrachte etwa eine unmittelbar im Zwickelbereich von älterer und jüngerer Stadtmauer angelegt Abfallgrube ein reichhaltiges Keramikinventar aus dem späten 15. Jahrhundert, welches spannende Einblicke in die Alltagskultur der hier im späten Mittelalter lebenden Menschen erlaubt. Darüber hinaus entstanden zu dieser Zeit auch erste kleinere Gebäude, die sich unmittelbar an die Stadtmauer anlehnten. Diese Bebauung umrahmte dabei eine kleine platzartige Erweiterung, den ab 1590 urkundlich überlieferten Hafenmarkt, wo Töpfer ihre Waren feilbieten konnten.
Eine wesentliche Umgestaltung dieses Platzes erfolgte dann in der Zeit um 1700 mit der Errichtung der städtischen Messbudenscheune, in welcher die Marktstände bei Nichtbenutzung untergestellt werden konnten. Anhand der freigelegten Fundamente lässt sich ein stattliches Gebäude mit einer Größe von rund 22 x 11 m rekonstruieren, das erst Ende des 19. Jahrhunderts bedingt durch den Neubau des Anwesens Keßlerstraße 38 niedergelegt wurde. Ergänzt werden die im Bereich des ehemaligen Hafenmarktes aufgedeckten spätmittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Befunde durch weitere Gebäudegrundrisse und auch Abwasserkanäle, die hier dokumentiert werden konnten.

Das Areal außerhalb der spätmittelalterlichen Stadtmauer diente hingegen bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein überwiegend als Gartenland. Spätestens mit der Anlage der Promenade im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde jedoch auch hier ein stadtentwicklungsgeschichtlich und städtebaulich bedeutender Prozess eingeleitet: die Überwindung der spätmittelalterlichen Stadtgrenzen und die damit verbundene Erweiterung der Stadt. Dieser Prozess manifestiert sich nicht zuletzt im 1865 erfolgten Durchbruch der Franz-Ludwig-Straße und der darauf folgenden ersten Bebauung im Bereich des ehemaligen „Metzneranwesens“ Franz-Ludwig-Straße 12. Unterhalb dieser im Zuge des Bauvorhabens abgebrochenen Bebauung konnten noch Fundamentreste aus der Frühphase des Anwesens freigelegt werden, die eindrücklich das Wachsen der Stadt im Laufe des 19. Jahrhunderts aufzeigen und zugleich schlaglichtartig die Entwicklung dieses stadtbekannten Handelshauses beleuchten. So ließen sich neben entsprechenden Gebäudestrukturen auch Ver- und Entsorgungseinrichtungen wie Abwasserkanäle oder auch mehrere Brunnen, die teils bis ins 20. Jahrhunderts hinein in Benutzung waren, dokumentieren.


Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass sich anhand der bisherigen Grabungsergebnisse in der vermeintlich kleinräumigen Quartiersgeschichte bedeutende städtische Entwicklungsprozesse widerspiegeln. Die Ausgrabungen leisten somit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Werdens und Wachsens der Stadt Bamberg über einen Zeitraum von mehr als 800 Jahren!

 

Ausblick: Die weiteren Untersuchungen werden sich in den
kommenden Wochen auf die Grundstücke Hellerstraße 11–15
konzentrieren.
Durch die Lage der Parzellen innerhalb der hochmittelalterlichen Stadtmauer handelt es sich hierbei um die potentiell ältesten Siedlungsbereiche, die durch das Bauvorhaben tangiert werden. Hier finden sich nicht nur wertvolle Baudenkmäler, welche in die Neubebauung integriert werden. Auch das jüdische Viertel des 15. Jahrhunderts ist an dieser Stelle archivalisch und durch Baubefunde – wie etwa die bereits 2003 teilweise freigelegte Mikwe – nachgewiesen. Man darf also gespannt sein, welche Befunde an dieser Stelle noch zu Tage treten…

Highslide JS
Hinterhofbereich Franz-Ludwig-Straße 10/12 mit freigelegter Stadtmauer des 15. Jahrhunderts.
Highslide JS
Abfallgrube mit Keramikinventar des späten 15. Jahrhunderts während der Freilegung.
Highslide JS
Grabungsfläche im Hinterhofbereich von Keßlerstraße 38. Im Profil auf der linken Seite das mit Entlastungsbögen versehene Fundament der sog. Messbudenscheune aus der Zeit um 1700.


Weitere Informationen: