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Die Entwicklung der Stadtarchäologie in Bamberg

Der lange Weg zu einer kommunalen Bodendenkmalpflege …

Die Ausgangssituation bis zum Beginn der 1970er Jahre

Sieht man von den Grabungen Christian Peschecks 1962 auf dem Domplatz ab, beschränkte sich die archäologische Forschung in Bamberg noch bis ans Ende der 1960er Jahre auf wenige, meist zufällige Beobachtungen.
Erst die Ausgrabungen im Dom durch Walter Sage (1969-72) sowie Untersuchungen im Bereich der ehemaligen Dombergumwehrung durch Klaus Schwarz (1972-73) rückten die Archäologie auch in Bamberg zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit.
Andernorts hatten sich, bedingt durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges – von denen Bamberg weitestgehend verschont geblieben war – und den anschließenden Wiederaufbau bereits erste Ansätze einer Stadtarchäologie entwickeln können, die in vielen Fällen freilich nicht mit dem rasanten Aufschwung und dem damit verbundenen Bauboom mithalten konnte. Die Folge waren teils enorme Verluste an archäologischen Quellen. Die zunehmende öffentliche Diskussion denkmalpflegerischer Belange gipfelte in den 1970er Jahren schließlich im Erlass der Denkmalschutzgesetze. Im Zuge dessen entstanden im folgenden Jahrzehnt in zahlreichen Städten auch wieder Initiativen, die sich bemühten, eine systematische archäologische Erforschung der historischen Stadtkerne voranzutreiben.

Verbesserte Voraussetzungen

1976 erhielt Oberfranken als letzter der bayerischen Regierungsbezirke eine in Schloss Seehof angesiedelte Außenstelle des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, wodurch eine effizientere und intensivere Betreuung archäologischer Belange, gerade auch im Stadtgebiet von Bamberg, möglich wurde. Kurz zuvor hatten die bereits eingangs erwähnten Ausgrabungen auf dem Domberg die Möglichkeiten und den enormen Erkenntnisgewinn archäologischer Forschung eindrücklich vor Augen geführt. Als 1981 an der Universität Bamberg schließlich noch der Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit eingerichtet wurde, waren ideale Voraussetzungen geschaffen, auch in Bamberg erste Ansätze einer Stadtarchäologie zu verwirklichen.
In der Folgezeit lassen sich dann auch vermehrt archäologische Untersuchungen verzeichnen. Größere Ausgrabungen wurden durch den Lehrstuhl unter Prof. Walter Sage etwa im Bereich des ehemaligen Franziskanerklosters an der „Schranne“ oder in der Judenstraße am sogenannten „Romanischen Turm“ durchgeführt. Daneben wurden auch zunehmend Studenten und erste Absolventen der Mittelalterarchäologie mit der Durchführung kleinerer Grabungsprojekte durch das Landesamt betraut.
Der Schwerpunkt der Forschung konzentrierte sich jedoch weiterhin auf die archäologische Untersuchung des Domberges, was in den Jahren 1986-92 schließlich in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekt „Babenburg“ des Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit gipfelte. Die Ergebnisse dieser umfangreichen Ausgrabungen mit knapp 150 Grabungsschnitten wurden 1993 im Rahmen einer Ausstellung und eines begleitenden Kataloges publik gemacht.

Unterschiedliche Forschungsschwerpunkte

Im Gegensatz zum „zentralen Forschungsobjekt Domberg“ spielten weite Teile der Bamberger Altstadt, sieht man einmal von den Kirchen und dem zu Füßen des Burgbergs gelegenen „suburbium“ ab, aus archäologischer Sicht anfangs nur eine untergeordnete Rolle. Der Hintergrund hierfür ist vor allem in der älteren historischen Forschung zu suchen, die lange Zeit eine einseitig vom Domberg ausgehende Stadtentwicklung propagierte. Die „Inselstadt“ zwischen den beiden Regnitzarmen sowie das Gebiet jenseits des rechten Regnitzarmes spielten bei diesem Modell nur eine untergeordnete Rolle.
Als hieraus resultierendes Negativbeispiel sei etwa das Vorgehen im Bereich des Quartiers „Theatergassen“ angeführt, einem ab Mitte der 1980er Jahre durchgeführten, großflächigen Neubauprojekt inmitten einer spätmittelalterlichen Stadterweiterung der „Inselstadt“. Hier wurden mehrere Parzellen umfassend neu bebaut und sowohl ober- als auch untertägige Baustrukturen restlos zerstört. Zwar wurde 1985 bauvorgreifend eine archäologische Untersuchung durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege vorgenommen, die Grabungsfläche beschränkte sich jedoch nur auf einen einzigen Schnitt. Es mutet ironisch an, dass Grabungstechniker des Landesamts zu Aushubdeponien gerufen wurden, weil dort Mengen an spätmittelalterlicher Keramik, Glas und Handwerksabfällen aus dem Bereich der „Theatergassen“ aufgetaucht waren. Man mag hieran ermessen, welche wichtigen Erkenntnisse in den Baggerschaufeln verschwanden und welche Chance verpasst wurde, ein Stadtquartier flächenhaft archäologisch zu untersuchen.

Neuorientierung der Bodendenkmalpflege in Bamberg

Zu Beginn der 1990er Jahre ist eine deutliche Ausweitung der Grabungsaktivitäten auf das gesamte Stadtgebiet zu verzeichnen, da seitens der archäologischen Denkmalpflege jetzt eine gezielte Fokussierung auch auf Areale abseits von Domberg und „Sandstadt“ erfolgte, was der heterogenen Stadtstruktur Bambergs Rechnung trug. Zudem konnte eine zunehmende Zahl privater Grabungsfirmen, hervorgegangen aus Absolventen der Mittelalterarchäologie, nun Aufgaben übernehmen, welche das Landesamt weder personell noch finanziell mehr alleine bewältigen konnte. Diese zumindest partielle Neuorientierung führte teils zu völlig neuen und spektakulären Ergebnissen.
Beispielhaft hierfür seien die in den Jahren 1995/96 im ehemaligen Hotel „Deutsches Haus“ durchgeführten Ausgrabungen genannt. Das Untersuchungsareal lag dabei an der heutigen Königstraße, dem ehemaligen „Steinweg“, einer bereits im Mittelalter bedeutenden Handelsstraße jenseits des rechten Regnitzarmes. Entgegen der bis dato vertretenen Meinung, das Gebiet sei erst im Verlauf des Hochmittelalters besiedelt worden, konnten dort Befunde aufgedeckt werden, die noch in die Zeit vor der Bistumsgründung 1007 zurückreichten und demnach einer nur vom Domberg ausgehenden Siedlungsgenese des mittelalterlichen Bambergs eindeutig widersprachen.

Wesentlicher Erkenntnisgewinn

Dank der Archäologie konnten in Bamberg nicht nur neue Erkenntnisse bezüglich der Siedlungsentwicklung im Mittelalter gewonnen werden – auch Einblicke in die Entwicklung der profanen und sakralen Bebauung sowie in das Alltagsleben der in ihr wohnenden und arbeitenden Bevölkerung ließen sich durch archäologische Methoden erschließen. Stellvertretend seien hierfür einige wenige Beispiele angeführt.
So konnten 1991 große Teile des abgegangenen Klarissenklosters untersucht werden, im Bereich des zu Füßen des Domberges gelegenen „Katzenbergs“ gelang 1994 der Nachweis hölzerner Werkstattgebäude des 11. Jahrhunderts und 1998 wurde im „Hinteren Bach“ eine spätmittelalterliche Glasbläserwerkstatt dokumentiert. Grabungen am „Maxplatz“ lieferten 1999 Einblicke in die Entwicklung und Bebauungsstrukturen einer städtischen Parzelle auf der „Insel“ während des hohen und späten Mittelalters. 2003 konnte in der „Hellerstraße“ eine spätmittelalterliche Mikwe freigelegt werden und am Domberg gelang erstmals sicher der Nachweis einer mehrphasigen Befestigung, welche der „Babenburg“ und der späteren Domburg zuzurechnen ist. Umfangreiche Ausgrabungen 2004-06 im Bereich der Königstraße gewährten weitere wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der Siedlungsentwicklung des Gebietes rechts der Regnitz und den Anfängen der für Bamberg so typischen Gärtnerkultur und 2008 konnten in der Sandstraße die mächtigen Fundamente des ehemaligen Sandtores freigelegt werden.

Paradigmenwechsel

Trotz der beeindruckenden Ergebnisse, welche die Archäologie zur Erforschung der mittelalterlichen Stadt beitragen konnte, war leider auch weiterhin ein undokumentierter Verlust an archäologischer Substanz zu beklagen: immer wieder wurden durch ohne Beteiligung der Bodendenkmalpflege durchgeführte Baumaßnahmen wichtige Quellen im Boden zerstört. Vor diesem Hintergrund wurde bereits Mitte der 1990er Jahre in Bamberg von vielen Seiten die Bedeutung der Archäologie für die Stadtgeschichtsforschung hervorgehoben und der Ruf nach einer institutionalisierten Stadtarchäologie laut. Dennoch sollte bis zur tatsächlichen Schaffung einer entsprechenden Stelle noch über ein Jahrzehnt vergehen. Seit Ende 2009 existiert nun innerhalb der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Bamberg eine eigens mit der Stadtarchäologie betraute Stelle, wodurch ein effektiverer Schutz der Bodendenkmäler gewährleistet ist. Seitens der Stadt bedeutet die Installierung einer Kommunalarchäologie ein klares Bekenntnis, auch die Bodendenkmäler als integralen Bestandteil des Welterbes Bamberg anzuerkennen und entsprechend zu würdigen. Gleichzeitig ist es aber auch eine Verpflichtung zum Schutz und zum pfleglichen Umgang mit dem „unterirdischen Archiv“, um auch noch zukünftig in ihm lesen zu können.