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„Auf gute Nachbarschaft“: Themenabend zur Quartiersentwicklung

Bericht zum ersten Themenabend im Rahmen der Werkstattwoche am Dienstag, 09. September 2014, von 18-21 Uhr im Musikzimmer der Graf-Stauffenberg-Schule

Was sind zeitgemäße und zukunftsträchtige Anforderungen an die Qualität eines Quartiers? Diese Frage wurden am Dienstagabend, den 09. September 2014, beim ersten Themenabend von rund 60 interessierten Bürgerinnen und Bürgern sowie sechs Planerteams diskutiert. Insbesondere ging es um soziale Fragen und daraus resultierende bauliche Konsequenzen.
Erfahrungen, die andernorts gemacht wurden, können auch für den Umgang mit dem Bamberger Osten wichtige Hinweise liefern. Daher stellte Dr. Joachim Brech, Architekt und Sozialwissenschaftler aus Landsberg und München, in einem Impulsreferat die vier Säulen der Nachhaltigkeit vor, die vom Wohnfonds Wien entwickelt worden sind: Architektur, Ökologie, Ökonomie und Soziales. Brech stellte schon zu Beginn seines Beitrages fest, dass es für die Planung eines guten Quartiers keine fertige Rezeptur gebe, regte aber durch viele Fragen das Nachdenken über Anforderungen an eine sozial nachhaltige Quartiersentwicklung an. Ein neues Stück Stadt sei eben noch kein Quartier. Dafür bedürfe es der Nachbarschaftsbildung, eigener Identitäten und neuer „Adressen“, mit denen der neue Wohnstandort unverwechselbar werde.
In einem zweiten Impulsreferat thematisierte Heidrun Eberle, von der NachbarschaftsBörse Ackermannbogen e.V. und dem Sozialwissenschaftlichen Institut, München die Nachbarschaftsbildung noch einmal konkret anhand der Münchener Konversion Ackermannbogen. Sie stellte die herausragende Bedeutung sozialer Infrastruktur heraus. Quartiere benötigen Anlaufstellen für ihre Bewohnerinnen und Bewohner und Orte, an denen sich Menschen begegnen. Die Entwicklung guter Nachbarschaften sei keinesfalls ein Selbstläufer. Es bedürfe sowohl räumlich-baulicher Voraussetzungen als auch Offenheit und Engagement aller Akteure. Eine sozialgerechte und nachhaltige Quartiersentwicklung sei nur im Zusammenspiel zwischen der Stadt, der Wohnungswirtschaft und den Bewohnerinnen und Bewohnern möglich. Eine besondere Rolle könnten, so berichtete Eberle aus München, Baugemeinschaften und (junge) Genossenschaften einnehmen, die Wohnräume der marktwirtschaftlichen Spekulation entziehen.
In den sich an die Referate anschließenden, von Prof. Dr. Klaus Selle moderierten, Diskussionsrunden erörterten die Teilnehmenden insbesondere die Übertragbarkeit der Beispiele auf das Bamberger Konversionsgelände. Manche der Bedarfe stehen heute schon fest, andere werden sich im Laufe der nächsten 15, 20 oder 25 Jahre verändern. Insofern sind – im Sinne einer Angebotsplanung – städtebauliche Strukturen zu schaffen, die sowohl heutigen als auch zukünftigen Bedarfen gerecht werden und offen sind für zukünftige Entwicklungen.
Auf die Frage, wie denn Bürgerinnen und Bürger an der Quartiersentwicklung beteiligt werden könnten, wenn es doch noch gar keine Bewohner gebe, ergaben sich interessante Hinweise: So können z.B. die in benachbarten Quartieren wohnenden Menschen (in Bamberg etwa in der Gartenstadt) an der Entwicklung mitwirken und wichtige Hinweise geben. Aber auch Baugemeinschaften, die sich mit dem Ziel gründeten, auf dem Gelände zu bauen und zu leben, seien wichtige Impulsgeber für die Nachbarschaftsbildung.
Im Gespräch zwischen den Bürgern, Expertinnen und Planerteams wurde deutlich, dass es für die Bildung von Nachbarschaften und der Etablierung von sozialer Infrastruktur einer gewissen städtebaulich Dichte bedarf, die es im Bestand der Konversionsfläche derzeit noch nicht gibt. Die Planerteams schlugen daher die Entwicklung „urbaner Inseln“ mit verdichteten Baustrukturen vor. Um urbanes und soziales Leben zu befördern, müsse der Mensch im Quartier sichtbar sein. Um nur ein Beispiel zu nennen: Menschen dürften nicht aus ihrer Wohnung mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage fahren, um dann das Quartier mit dem Auto zu verlassen. Sie sollten sich lieber auf dem Weg zum Auto – oder besser noch zu Fuß oder mit dem Rad – sichtbar im Quartier bewegen.
Wolle man soziale Mischung wirklich ernst nehmen, bedürfe es auch gemischter Wohnraumangebote. Doch eine solche Mischung gebe der Bestand derzeit noch nicht her. Der Osten biete aber durchaus auch für Fremdes und Andersartiges genügend Raum. Angesichts der vielen Unwägbarkeiten auf lange Sicht, könne man dort Manches einmal mal ausprobieren. Fest stehe aber, dass man Steuerungsmöglichkeiten eröffnen müsse, um die Entwicklung der neuen Quartiere nicht allein dem Markt zu überlassen. Nachbarschaftsbildung wird es zudem nicht zum Nulltarif geben. Soziale Infrastrukturen brauchen in der Regel eine Anschubfinanzierung und eine hohes Maß gesellschaftlichen Engagements.
Neben sozialer Mischung sollten die neuen Quartiere durch eine Nutzungsmischung geprägt sein. Dabei verdienen die Erdgeschosszonen eines Quartiers besondere Aufmerksamkeit. Es sind ausreichend attraktive räumliche Angebote für Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleitungsunternehmen und soziale Infrastrukturen zu schaffen. Doch dürfe keinesfalls Leerstand entstehen. Mögliche Konflikte mit der angrenzenden Wohnnutzung sollten möglichst von vorn herein städtebaulich und architektonisch vermieden werden. Nutzungsmischung müsse jedoch immer auch „sozial verarbeitet“ werden.
An anderen Stellen des Kasernengeländes werde man es auch mit Schrumpfungsprozessen zu tun haben. Die Entwicklung der Landschaft werde dann eine ganz besondere Rolle spielen. Manche der Teams gehen gar von einem radikalen Rückbau zugunsten integrierter Lagen aus.
Die Planerteams nahmen also aus den Diskussionen zahlreiche Hinweise für ihre Arbeit mit. Sie seien jetzt für soziale Belange sensibilisiert und werden diese bei der Entwicklung der Konzepte mitdenken. Und umgekehrt erhielten die Bamberger und Bambergerinnen vielfältige Anregungen den Osten „neu zu denken“.

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